Diese Geschichte wird vollständig auf Wattpad zu lesen sein. Schaut dort die nächsten Kapitel an. Viel Vergnügen!
Vorwort
Nur um das von Anfang an klarzustellen: Ich bin nichts Besonderes. Ich habe keine Kräfte und keine magischen Fähigkeiten wie meine zahlreichen Verwandten. Ich kann nicht Fliegen wie Onkel Frank oder Vater, ich kann nicht Feuerspeien wie Tante Vanessa, ich habe keine Superkräfte wie Alice, die alles heben kann, ich habe nicht einmal irgendeinen verstärkten Sinn wie Ann oder Bastian.
Ich bin einfach nur ein Mensch. Das war ich schon immer und werde es auch immer sein!
Klick. Fiiiiiiizzzzzzz. Vorsichtig zog ich das bereits blasse Foto aus der Polaroidkamera und zeigte Tamara ihre quietsch gelb lackierten Füße und meine blassblau lackierten Füße nebeneinander. Vorsichtig mit zwei Fingern, um ihre frisch lackierten Fingernägel nicht zu zerstören, nahm sie mir das Foto ab und hält es sich nur Zentimeter von der Nase entfernt.
„Also das kommt auf meine Wand!", rief sie aus und legt es zur Seite. Klick. Fizzzzzzz. Mache ich noch ein Foto von ihr. Lachend versucht sie ihr Gesicht vor der Kamera zu schützen aber ich war schneller. Ich kichre kindisch und warte darauf das sich das Bild entwickelt. Gemeinsam liegen wir in Tamaras Zimmer, lackieren und alle Nägel die wir besitzen, blättern durch Magazine (vorsichtig das wir uns die Nägel nicht kaputt machen) und reden über die Schule, die Welt und vor allem über Jungs. Tamara blätterte in einem altem Brautkleid Magazin und deutete begeistert auf ein umwerfendes Brautkleid mit einem Meerjungfrauen Schnitt.
„Das ist das Kleid, dass ich an haben werde wenn ich Martin heirate.", träumt sie laut. „Mit Tulpen und Rosen und einer Band." Ich kichere weiter über ihre Verträumtheit.
„Ich glaube du musst doch erst mit ihm zusammenkommen bevor ihr heiratet oder?", fragte ich sie neckend.
„Ach Papperlapapp. Der wird bald mein Freund sein, darauf kannst du wetten. Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich ihn mir schon diese Woche unter den Nagel reißen kann. Aber unsere kleine Prinzessin hier, mit einer Sturmfreien Bude will nicht mal eine fette Party machen, sondern kommt einfach zu mir und denkt das ich ihr das nicht übel nehmen werde." Ich drehe mich auf den Rücken und puste vorsichtig meine blassblauen Nägel an.
„Meine Eltern sind nur übers verlängerte Wochenende in den Bergen eine Fahrradtour machen. Das lohnt sich garnicht."
„Das lohnt sich... Oh mein Gott, Mädchen. Das... Du... machst mich echt alle. Wenn wir jetzt noch alle anrufen, dann können wir für heute Abend alle einladen und vielleicht kommt dann mein liebster Martin und dein heimlicher Schwarm Thomas. Naaaaa komm schon." Sie haut mir auf die Schulter und zerstörte sich damit ihre gesamte Arbeit. „Oh nein!", heulte sie laut auf. „Jetzt muss ich wieder von vorne anfangen." Ich reichte ihr mit gespreizten Fingern den Nagellackentferner und antwortete aber.
„Meine Eltern kommen morgen früh schon wieder zurück. Ich habe keine Lust mir den Stress zu machen. Wenn meine Mom das verwüstete Haus sieht, wird sie zum Drachen." Ich musste über den Insider schmunzeln.
„Ach komm schon. Ich rufe auch gerne Thomas für dich an und helfe dir beim Putzen. Versprochen!", quengelte Tamara, während sie mit konzentriertem Blick auf ihre Nägel starrte. „Du musst nur Martin für mich einladen." Gerade als ich ihrem flehen nachgeben wollte, klingelte mein Handy. Auf dem Display laß ich mit großen Buchstaben. MAMA DRACHE. Als ich abnahm hörte ich ein: Klick. Fizzzzzzzzzzz. Tamara hatte meine Poleroid geklaut. Typisch.
„Hallo Mama, ich bin immer noch bei Tamara. Wie ist eure Tour?", fragte ich in den Hörer rein.
„Hallo? Ist da Glacia Draco?", fragte eine weibliche Stimme die nicht meiner Mutter gehörte.
„Ähm... Ja?" Fragend schaute mich Tamara an und formte mit ihrem Mund: Alles ok? Ich hob einen frisch lackierten Finger um sie davon abzuhalten mich abzulenken.
„Mein Name ist Andrea Pick von Sant Joseph Klinikum im Oberbergischen. Beide ihrer Eltern sind hier eingeliefert worden. Sie müssen bitte so schnell wie möglich herkommen."
Kapitel 1 - Wohlig kalt
Seine Welt war klein, eng und wohlig kalt. Seine Gliedmaßen waren eng an den Körper gedrückt, da seine Welt nicht mehr Platz bot. Bald, das wusste er, wäre dieser wohliger Ort keine Zuflucht mehr. Bald müsste er durch die dicke Membran und Schale sich drücken und der neuen Welt entgegen treten. Doch heute war es noch nicht so weit.
Etwas trat seiner Welt näher. Er konnte ihre Anwesenheit spüren. Etwas großes legte sich um seine Hülle und schob ihn sanft von Seite zur Seite. Sie war wieder zurück. Freudig begrüßte er seine Mutter mit kleinen hohen fiepsigen Tönen. Als Antwort hauchte sie seine Schale an. Durch den eiskalte Schwall ihrer inneren Flamme, bereitete sich in seinem Inneren noch ein zufriedenes Wohlbefinden aus. Um ihn herum bewegte sich die Erde. Seine Mutter schmiegte sich direkt an seine Schalle und begann entspannt zu Summen. Sie wiegte ihn mit ihrem Wiegelied in den Schlaf.
Er konnte es kaum erwarten die neue Welt zu sehen. Solange sie genauso eisig war, wie in seiner, wäre er glücklich.
Kapitel 2 - Ankunft
Mit einem Taxi wurde ich direkt zum Eingangstor einer riesigen Villa gefahren. Der Taxifahrer half mir meinen Koffer und Rucksack aus dem Kofferraum zu befördern. Als er sie mir reichte und ich ihm das Geld gab, fragte er mich:
„Kommst du klar, Kleines?"
Ich lächelte gequält und antwortete: „Klar, ich ziehe ja nur zu meinen verdammten Verwandten."
Er presste die Lippen zusammen, klopfte mir aufmunternd auf die Schulter und stieg wieder in seinen Wagen.
„Good luck!", rief er durch das offene Fenster. Als er endlich von der Straße verschwunden war, stand ich endlich Mutterseelen allein vor dem Tor. Ich traute mich nicht die Klingel zu bedienen. Was eigentlich völlig unnötig war, weil die meisten schon mitbekommen haben das ich angekommen war. Ich klingelte aber trotzdem.
Das Tor schwang auf und ließ mich eintreten. Auf der anderen Seite begrüßten mich zwei große Skulpturen. Zwei schlafenden Drachen die es sich auf ihrem Steinernerem Schatz gemütlich machten. Beide hatten ihren langen Schwanz um den Körper geschlungen und ihre Flügel schützend über sich ausgebreitet. Ich konnte mich noch erinnern, wie ich mich bei unseren Besuchen vor den anderen Kindern versteckt hatte. Damals war die Höhle unter ihren Flügeln groß genug das ich rein passte. Heute könnte ich mich nicht mehr dort verstecken, egal wie sehr ich mir wünschte mich dort zu verkriechen.
An der linken Statur lehnte sich jemand gegen das Gestein. Sein Gesicht sah fast eins zu eins aus wie das meines verstorbenem Vaters. Seine Haare waren dick und rot, seine Augen waren ein sattes dunkles grün und sein Mund schmal. Man konnte diese zwei eineiige Zwillinge nur durch die Narbe in Onkel Sam Gesicht unterscheiden. Einen Fingerlange Narbe die links an seinem Auge verlief.
„Na wurde aber auch Zeit das du kommst." grinste mein Onkel. „Hab mich schon gefragt ob du entführt worden bist."
„Onkel Sam!", ich grinste zurück. Mit meinem Koffer hielt lief ich auf ihn zu und umarmte ihn stürmisch. Onkel Sam zerzauste mir das Haar und schob mich dann von sich. Er betrachtete mich ausgiebig.
„Du siehst müde aus."
„Bin ich auch. Aber vor allem bin ich nervös."
„Brauchst du nicht. Komm lass mich deinen Koffer nehmen." Er nahm mir meinen Koffer ab und lief voraus.
Anders als mein Vater hatte Sam die Fähigkeit in die Zukunft zu schauen. Er war ein Seher. Wir hatten nicht viele mit dieser Fähigkeit. Nicht mehr. Mein Vater war ein Feuerspucker, Aurenseher und ein Flieger. Ein drei Gen Besitzer zu sein war in meiner Familie etwas ganz besonderes.
Onkel Sam und ich gingen gemächlich die Allee entlang zur Villa. Dieses Grundstück war riesig. Wenn ich mich richtig erinnere war das Grundstück allein 3 Hektar groß und die Ville auf die wir zusteuerten ein Schloss. Drei Stockwerke hoch mit je vier Türmen die in jede Himmelsrichtung zeigte. Es sah auch aus wie ein Schloss. Die großen geschleifte Steine waren mit Efeu bewachsen, tausend Fenstern besprenkelten die Wand und die Dächer waren aus rotem Lehm. Das Gemäuer hätte beinahe aus einem deutschen Märchen sein können. Ironischerweise waren wir garnicht mal mehr in Europa.
„Wie war der Flug?", fragte mich mein Onkel.
„Sehr lang. Fast 10 Stunden. Ich konnte mir vier Filme ohne Pause anschauen. Bei dem Dröhnen kann man so schlecht schlafen." Er grinste.
„Dein Vater hätte sich geweigert in den Flieger zu steigen. Er wäre selbst geflogen auch wenn er doppelt so lange unterwegs gewesen wäre."
Bei seinen Worten verspürte ich einen kleinen Stich in der Brust. Aber er hatte recht. Auch wenn ich traurig war, ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Das wäre so was von Dad gewesen. Es waren erst fast 2 Monate nach ihrer Beerdigung und die Anwesenheit meines Onkels ließ mich für einige Sekunden hoffen das der falsche Mensch auf dem Krankenhausbett gestorben ist. Aber Onkel Sams Narbe war der klarste Beweis das diese Hoffnung nicht war sein kann.
Wir waren schon fast an der Haustür als ich mitbekam, dass aus fast jedem Fenster mich Augenpaare verfolgten. Mir lief es kalt über den Rücken. Was für eine wundervolle Begrüßung.
Sam stand vor der Tür und meinte noch feierlich: „Willkommen Zuhause, Glacia." bevor er die Tür öffnete und ich viele meiner direkten Verwandten dahinter sah. Wir traten in eine große Eingangshalle mit einer breiten Treppe die hinauf in den zweiten und dritten Stock des Gebäudes führte. Die große Eingangshalle hatte sich gut gefüllt mit Leuten die, das schwarze Schaf der Familie sehen wollten. Nur ein paar waren hier, weil sie wirklich aufrichtig erfreut waren, mich zu sehen und zu begrüßen.
Ein alter grauhaariger Mann stand im Zentrum flankiert von einer blonden Dame im fortgeschrittenen Alter und einem kleinen Jungen, der mir auf anhieb unsympathisch war. Er schaute mich an als ob er sich vor mir ekelte.
Ich war ein wenig überwältigt. So viele hätte ich doch nicht erwartet. Schnell räusperte ich mich. Hier musste ich jetzt sicher wirken. Meine Füße gingen automatisch zu altem Mann hin. Zu Großpapa Lui. Vor ihm verbeugte ich mich tief, denn er ist das Oberhaupt dieser großen Familie. Ein Mann mit vielen Begabungen. Jemanden den man nicht als Feind haben will.
„Großpapa Lui. Ich bin geehrt in diese große Stube eingeladen zu sein. Diese große Familie ist ein Segen.", zeigte ich ihm meinen Respekt.
Eine alte runzlige aber denn noch kräftige Hand legte sich auf meine Schulter.
„Hebe dein Kopf, mein Kind. Willkommen in unserem Haus." antwortete das Oberhaupt. Ich erhob mich und lächelte den alten Mann an.
„Meine Kinder.", sprach er so laut das jeder es hören konnte. „Glacia ist heute gekommen um mit uns zu leben. Sie wird an unserem Tisch speisen, unter unserem Dach schlafen und sich in unser Familienleben einbinden. Sie wird auch mit den Jüngeren trainieren und arbeiten. Sie wird von mir genau wie jedes andere Mitglied dieser Familie behandelt, deswegen fordere ich von euch das selbe. Ich hoffe, das ist klar angekommen."
Viele murmelten ein ja oder nickten einfach. Es gab aber auch einige die mich einfach nur angewidert anstarrten. Die Dame zu Großpapas linken, bedachte mich mit so einem Blick. Wenn ich mich recht entsinne hieß sie Großtante Nina, eine begabte Hörerin.
Nach Großpapas Rede verschwanden die meisten. Entweder in ihre Zimmer oder um wieder ihren Pflichten nachzugehen. Auch der kleine Junge verschwand. Nur eine Handvoll blieben. Eine langhaarige Schönheit kam auf mich zu und umarmte mich stürmisch.
„Glacia, schön dich wieder zu sehen.", sagte Tante Sofia, Sams Ehefrau. Ich bekam keinen Ton heraus den sie drückte mir erfolgreich die Luftröhre zu. Sie ließ mich wieder los, bevor ich blau anlaufen konnte und strahlte mich von Ohr zu Ohr an.
„Hallo Sofia. Wie gehts den Kindern?", fragte ich sie.
„Bestens, immer wieder etwas am zerstören aber ansonsten. Wie war...", Sofia konnte nicht zu Ende reden den jemand schob sie sanft zur Seite und fiel über mich her. Finn und Elena umarmten stürmisch meine Hüfte. Hinter ihnen stand schüchtern Stefie. Ich konnte meine jüngeren Cousin und Cousinen nur kurz begrüßen den Großpapa Lui räusperte sich. Die anderen verstummten.
„Sofia, wärst du so freundlich und bereitest Glacia ihr Schlafzimmer vor. Sam begleite sie." Das Ehepaar nickten und machten sich gleich auf den Weg.
„Umm. Das ist nicht nötig... Ich kann das auch selber...", fing ich schon an.
„Mit dir würde ich noch gerne einiges bereden. Bitte folge mir." er und Großtante Nina gingen die Treppe hinauf. Ich schaute noch kurz zu Finn, Elena und Stefie, lächelte ihnen zu und folgte dann dem Oberhaupt.
Wir liefen durch Gänge und in den zweiten Stock, dort wo sich eines der größten Räume der Villa befand. In unsere eigenen Großen Bibliothek. Großpapas Thron. In der Bibliothek gab es reihenweise Regale voll mit alten Büchern. Ein Paradies für jedes Bücherwurm der Welt, wie mich. Neue und alte Lektüren reihten Buchrücken an Buchrücken nebeneinander. Durch die Bibliothek konnte man ein kleines erhobenes Arbeitszimmer sehen. Alle Möbel darin waren aus erlesenem Holz und gaben dem Raum eine rauchiges altes Feeling. Eine gesamte Wand schien nur ein großes Bücherregal zu sein. Einige Objekte wurden hinter einem Glas beschützt. Alte Bücher oder Relikten die kein Staub fangen sollten. In der rechten Ecke des Raumes standen zwei Sessel. Zwischen ihnen ein kleiner hölzerner runder Abstelltisch mit Lampe und einem geschliffenem Aschenbecher. Als wir in das Arbeitszimmer des Oberhauptes eintraten schloss Großtante Nina die dicke Tür. Wahrscheinlich war dieser gesamte Raum Schalldicht. Mit all den gespitzten Ohren in der Familie konnte man anscheinend nie zu sicher sein.
„Setzt dich, mein Kind." forderte Großpapa mich auf. Er deutete auf einen Sessel vor seinem dunkelbraunen Schreibtisch. Ich setzte mich. Es war jetzt fast sechs Jahre her, dass ich hier in diesem Raum gewesen bin. Damals hatte Großpapa Lui noch rote Highlights in seinem Haar gehabt. Heute aber war der Rest seiner roten Haarpracht verschwunden und durch das graue Alter ersetzt. Jeder normale Mensch hätte ihn auf 70 oder 80 geschätzt aber in Wirklichkeit war Lui erst vor kurzem 137 Jahre alt geworden. Eines der Vorteile von einem Drachen abzustammen. Selbst Tante Nina hatte gerade ihre Hundert Jahre begonnen, aber man sah schon, das ihr blondes Haar sich langsam weiß färbte.
„Hier können wir ungestört reden, die Wände sind Schalldicht.", sagte Großpapa Lui. Aha, wusste ich es doch. Tante Nina stellte sich hinter unser Oberhaupt und durchlöcherte mich mit einem stechenden Blick.
Ich wurde ein wenig nervös. Eine beklemmende Stille breitete sich aus denn Großpapa durchlöcherte mich. Er versuchte etwas in meinem Gesicht oder in meiner Seele etwas zu finden. Nicht das es dort was zu finden gäbe.
„Wie geht es dir, Glacia? Mit allem was bisher vorgefallen ist? Es ist jetzt nicht mal 2 Monate her seit Argon und Candela verstorben sind.", fragte er mich fürsorglich. Ich schaute auf meine Hände und wünschte mir das ich nicht in Tränen ausbrechen möchte. An meinen Nägeln klebte nur noch ein ekeliger Rest des blassblauen Nagellacks.
„Ich...", ich schaute in die dunkel grünen Augen meines Urgroßvaters und schluckte den Kloß im Hals herunter. „Es ist schwer. Ich hätte es mir alles anders gewünscht"
„Es ist ein sehr bedauernswerter Verlust.", bestätigte Großpapa.
„Großpapa, ich möchte wirklich nicht undankbar wirken, aber ich hätte in Deutschland bleiben können. Meine Eltern hatten mir die Wohnung und ihre Ersparnisse vermacht, ich hätte auch alleine leben können und..."
„Das ist völlig ausgeschlossen.", zum ersten Mal wand Großtante Nina das Wort an mich. „Du bist noch nicht volljährig. Es wäre eine Schande wenn eines unserer Familienmitglieder alleine außerhalb unserer Reichweite agiert. Egal wie groß eine Beschämung du an sich schon für uns bist, das wird nicht toleriert. Sobald du volljährig bist wird das eine andere Diskussion sein."
„Aber ich bin nicht wie ihr.", entgegnete ich giftig. „Ich habe keine Fähigkeiten, ich habe nichts, womit ich für die Außenwelt zur Gefahr werde."
„Das ist bedeutungslos. Du bist eine Draco."
„Ich bin ein Mensch!"
„Das du dich auf die Stufe deiner schmutzigen Mutter begibst..."
„Nina!", mahnte Großpapa sie. Sie verstummte und presste die Lippen zusammen.
„Wir sind nicht hier um zu urteilen." Ich biss mir auf die Zunge um nicht gleich loszuheulen. „Nina hat aber in ihrer Argumentation nicht ganz unrecht. Du bist noch nicht volljährig und da deine menschliche Mutter keine lebenden Verwandten hat, wurden Sam und ich zu deinem Vormund erklärt. Wir waren uns einig, dass es besser wäre dich hier bei der Familie zu haben." Er schenkte mir ein freundliches Lächeln. „Natürlich gehören die Erbschaften ganz und gar dir. Wir werden sie nur bis zu deinem 18. Lebensjahr verwalten. Dennoch wünschen wir uns dich zu einem Teil dieser Familie zu machen."
„Wir wissen doch alle, dass ich nie ein richtiges Mitglied der Familie werden kann.", sagte ich kalt.
Großtante Nina lief vor Wut rot an. Großpapa starrte mich an und schien etwas zu suchen.
„Nina", wand er sich an Großtante Nina. „könntest du uns beiden etwas zu trinken bringen. Einen Tee, vielleicht."
„Aber natürlich.", sie verbeugte sich ein wenig und verließ mit rotem Kopf den Raum.
Ich starrte die verschlossene Tür an. Was wohl jetzt kommen würde?
„Darf ich also recht annehmen, dass sich bei dir noch keine einzige Fähigkeit entwickelt hat?"
„Wenn kochen keine Fähigkeit ist dann, nein.", antworte ich automatisch. Ein Grinsen breitete sich auf seinem altem faltigen Gesicht aus.
„Ein tolles Talent aber nicht das was ich meine. Eigenartig. Selbst in diesem Alter hast du nichts erhalten, selbst die Spätzünder in der Familie entwickeln mit vierzehn ihre Kräfte. Du bist aber schon sechzehn."
„Dafür kann ich nichts.", entgegnete ich „Und meine Mutter genauso wenig."
Großpapa faltete seine Hände auf dem Schreibtisch. Er lächelte mich beruhigend an.
„Es lässt sich aber nicht bestreiten, dass etwas bei dir anders ist. Sei es wegen den Genen deiner Mutter oder aus einem anderem Grund."
Ich ließ mich in meinen Sitz zurückfallen. Meine Mom konnte nichts dafür. Großpapa stand auf und schaute sich ein paar alte Buchrücken an der Wand an.
„Hat dir dein Vater jemals unsere Geschichte erzählt, wie wir dazu kamen die Gaben des Drachen zu erhalten?", fragte er mich. Ich musste kurz überlegen.
„Ja hatte er. Wir stammen von einem Drachen ab der sich in eine menschliche Frau verliebte."
Großpapa schüttelte belustigt den Kopf. Er griff nach einem alten Buch, zog es aus dem Regal und öffnete es. Er ging um seinen Tisch und stand dann vor mir. Auf dem Buch stand „Nibelungen Lied". Es war alt und die Schrift war aus alten Zeiten verschnörkelt sodass man Schwierigkeiten hatte es zu lesen.
„Naja nicht ganz falsch. Aber diese Version erzählen wir nur den jüngeren Kindern. Wir stammen von einem Mann ab, einst war er sterblich." Er legte mir das offene Buch in den Schoß. Ein altes Gemälde war darauf abgebildet. Ein Ritter mit erhobenem Schwert starrte mich an. Hinter ihm flog ein roter Drache mit giftgrünen Augen. Er spie Feuer und flutete das Bild in roter Farbe. Das gesamte Werk schien einem sagen zu wollen, dass die Welt in Feuer und Stahl untergehen würde.
„Dieser Mann, ist unser Vorfahre bekannt als Siegfried der Drachentöter.", begann er zu erzählen. Irgendwo hatte ich den Namen schon einmal gehört. Vielleicht in der Schule oder bei meinen Eltern. Ich wusste es nicht mehr genau. Aufmerksam betrachtete ich das Bild und lauschte Großpapas Worten.
„Anders als sein Name tötete er keine Drachen. Im frühen Mittelalter hatte er einen Drachen das Leben gerettet und als dank für seine Tat hat dieser Drache unserem Vorfahren alle seine Dracheneigenschaften vermacht. Unser Urvater war der erste Mann der alle Fähigkeiten besaß und so wurde er zu einem eigenen Drachen."
Fasziniert stricht ich über das Papier.
„Wie hat er ihn gerettet?", fragte ich.
„Das weiß leider keiner so genau. Siegfried hatte niemanden jemals erzählt was genau passierte und konnte es vermutlich auch nach seiner Ermordung nie tun. Es gibt so viele Überlieferungen, dass ich dir darauf keine genaue Antwort geben."
Großpapa Lui nahm das Buch wieder an sich, klappte es mit einem Knall zu und legte es zurück an seinen Platz.
„Glacia. Für uns ist die Familie wichtig. Wir sorgen uns um einander und du Glacia bist ein Teil dieser Familie. Dir gefällt es zwar nicht wenn ich es sage, aber das ändert nichts daran. Du bist meine Urenkelin. Du gehörst in diese Familie."
„Großpapa, du magst es zwar so sehen aber alle anderen in der Familie tuen es nicht. Ich wäre besser in Deutschland aufgehoben gewesen."
Großpapa Lui stöhnte traurig. Ruhig setzte er sich mir gegenüber und faltete seine schrumpeligen Hände.
„Was würdest du denn in Deutschland machen wollen, was du hier nicht kannst?", fragte er. Die Frage überraschte mich, denn so genau hatte ich noch keinen Plan gehabt.
„Ähm... Das Leben genießen. Die Schule beenden und dann vielleicht wie Mama Sekretärin werden oder etwas Literaturwissenschaftliches wie Papa. Aber so fest habe ich mich da noch nicht gesetzt.", gestand ich.
„Dann lass uns einen Pakt schließen. Du bleibst bei uns bist du volljährig bist, bindest dich in der Familie und auch in deiner neue Schule ein. Wenn du mir versprichst, dass du es versuchst und nicht sofort aufgibst, dann unterstütze ich dich bei allem was du machen möchtest. Wenn du nach Deutschland zurück willst oder sogar woanders um zu studieren, werde ich mit dir den ersten Flug raussuchen. Wenn du was anderes verfolgen willst, helfe ich dir mit allen Mitteln die mir zur Verfügung stehen. Was hältst du davon?"
Für einen kurzen Moment ließ ich mir den Deal durch den Kopf gehen.
„Was wenn die anderen mich nicht annehmen? Was ist wenn ich kein wirklicher Teil der Familie werde? Ich bin ja... anderes." Großpapa Luis seufzte.
„Wenn du nach der Zeit noch immer nicht von den anderen angenommen bist, dann stehe ich zu meinem Wort. Aber du musst es versuchen." Ich nickte.
„Also gut. Ich werde es versuchen. Aber ich kann für nichts garantieren."
„Das ist alles wonach ich frage.", sagte er lächelnd und hält mir über den Schreibtisch seine schrumplige Hand hin. Ich beuge mich vor und schlage ein. Dieser alte Mann hatte einen viel stärkeren Händedruck als erwartet. Genau in diesem Augenblick ging die Tür wieder auf. Der kleine Junge von vorhin kam herein gestürmt. Hinter ihm trat Tante Nina mit einem silbernem Tablett, Tassen und einer dampfenden Kanne Tee ein.
„Es ist eine Frechheit, dass ich nicht mit rein darf! Ich habe alles Recht da mit drinnen zu sein. Als nächster Nachfolger..."
„FRANKO! Es ist nicht dein Platz!", fauchte Tante Nina den kleinen Jungen an.
Franko war klein. Sah aus als würde er erst in die 6 oder 7 Klasse gehen. Sein kurzes Haar war rot-blond und nach oben gegellt. Seine Augen strahlten in einem eigenartigen gelb-Grün Ton. Sie verengten sich bedrohlich zu schlitzen als er mich sah. Kalt lief es mir den Rücken runter. Er schienen nicht erfreut darüber zu sein, dass ich nun in diesem Haus war. Na super. Ich glaubte, an diesen Blick musste ich mich von nun an gewöhnen.
„Ist das der Mensch?", stieß er mit einer solchen Verachtung aus. Tante Nina schaut mich kurz an, widersprach ihm aber nicht. Großpapa Lui lehnte sich zurück und beobachtete das alles. Da weder Tante Nina noch Großpapa für mich sprechen wollten, tat ich dies einfach direkt selbst.
„Hast du ein Problem damit?", spreche ich ihn direkt an.
Er blinzelte verwirrt. Eine direkte Antwort hat er anscheinend nicht erwartet. Kurz darauf hat er sich wieder gefasst.
„Ja habe ich. Du hast hier nichts verloren. Du bist ein Mensch."
„Na und? Du musst wohl oder übel klar kommen, du Furzknoten. Ich werde nämlich bleiben. Großpapa Lui hat mich mit freundlichen Armen hier aufgenommen. Ich werde diese nicht respektlos ignorieren." Dabei verbeuge ich mich in Großpapas Richtung.
Franko faucht mich weiter an: „Selbst wenn, du bist nicht wie wir. Wirst es auch nie sein. Wenn ich Oberhaupt wäre, würdest du nicht in die Nähe..."
„FRANKO!" Ich zuckte unvermittelt zusammen. Großpapa saß nicht mehr, sondern stand in voller Größe hinter dem Schreibtisch. Rauch kam auch seinem Mund und seine Stimme hatte alle Lieblichkeit verloren. Franko zuckte zusammen und machte sich ganz klein. Er hatte Angst vor Großpapa Lui.
„Du hast kein RECHT so zu sprechen, Junge!", grummelt Großpapa. „ICH BIN DAS OBERHAUPT! ICH treffe die Entscheidungen. Für deine Aktion hier, wirst du dich bei ihr Entschuldigen!"
Franko wurde rot aus Scham und aus Wut. Er sah zwischen mir und Großpapa Lui hin und her. Und dann platze es:
„NEEEEEEEEEEEIIIIIIIIINNNNNNNNNNNNNN!!!!", brüllte er mit aller Macht.
Eines der Tassen zersprang und Scherben flogen überall. Die Wände im Raum zitterten. Ich musste mir die Ohren zu halten. Sein Schrei war so schrill, dröhnend und laut, dass ich das Gefühl hatten meine Ohren würden platzen. Auch Tante Nina ließ das Tablet los und hielt sich verzweifelt die Ohren zu. Großpapa Lui stand schneller als ich schauen konnte vor der schreiendem Kind und hielt sein Gesicht fest in beide schrumpligen Hände. Der Junge strampelte, schrie und versuchte sich von Großpapa los zu machen. Auf einmal hörte er einfach auf. Franko stand still aber entsetzt einfach da. Sein Mund war noch weit aufgerissen aber kein Ton kam heraus. Großpapa Lui starrte angestrengt in Frankos geweiteten Augen.
„Du wirst dich nun entschuldigen, Junge." Anders als bei der ersten Aufforderung, verhielt sich der Junge ganz ruhig und mechanisch. Fast so als ob er nicht die Kontrolle über seinen Körper hatte. Sein Mund klappte zu, er wand sich zu mir und verbeugte sich.
„Ich bitte um Entschuldigung.", sagte er langsam und mechanisch. Er erhob sich und blickte mich an. Seine grünen Augen schienen auf einmal so unglaublich leer.
„Um... okay...", stammelte ich verwirrt. Meine Ohren dröhnten noch immer von seinem Schrei. Großpapa Lui zog das Kinn des Jungen zu sich und schaute ihm wieder tief in die Augen.
„Du wirst auf dein Zimmer gehen und dort warten, bis ich komme. Bis dahin wirst du dein Zimmer nicht verlassen.", sagte Großpapa sehr ausdrücklich. Franko reagierte nicht, drehte sich nur auf dem Absatz um, huschte an der zusammengekauerten Großtante Nina vorbei und machte sich auf dem Weg zu seinem Zimmer. Ich rappelte mich auf und versuchte Großtante Nina aufzuhelfen. Ich hob sie vorsichtig hoch, sie nahm kaum wahr das ich ihr half. Vorsichtig, den Scherben auf dem Boden aus dem Weg gehend, brachte ich sie zum Stuhl und setzte sie dort ab. Sie reagierte überhaupt nicht.
„Großtante Nina? Kannst du mich hören?", fragte ich sie. Sie reagierte nicht. Etwas in Sorge schaute ich zu Großpapa Lui, der bewegte sich langsam als wäre er wieder ein gebrechlicher Mann, zu seinen Arbeitssessel.
„Großpapa? Was ist mit ihr?", fragte ich ihn. Er fiel in seinen Sesseln und seufzte.
„Ihre Ohren sind für seinen nervtötenden Gebrüll zu sensible."
Großpapa sah die Sorge in meinem Gesicht. „Hol am besten Sofia, sie kann Nina helfen."
Ich nickte, schob zuerst vorsichtig die Scherben auf einen Haufen und lief aus dem Zimmer. Bevor ich die Küche erreichte wo ich Sofia vermutete, kam sie mir sogar schon entgegen.
„Tante Sofia, Großtante Nina braucht...", fing ich schon an. Sie lief an mir vorbei und rief: „Ich weis! Sam hat mich schon geschickt."
Verdutzt stand ich noch im Gang und sah dem wehendem blondem Haar hinterher. Ich hätte gar nicht nach ihr suchen brauchen. Diejenigen die man brauchte, wussten bereits was passiert war.
Fortsetzung...
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